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Einer These auf der Spur: Länger leben dank Rotwein?


Im Jahr 2000 glaubte eine Studie, die im niederländischen Zeist erarbeitet wurde, herausgefunden zu haben, dass ein Glas Bier am Tag gesünder fürs Herz ist als ein Glas Rotwein. Ist dies eine Minderheitenmeinung geblieben, so glauben doch schon reichlich mehr Mediziner, dass die aus dem Konsum von Schokolade zu erreichenden Wirkungen auf die Gefäße den Effekten von Rotwein vergleichbar sind. Diesen Auffassungen ist ein besonderer Respekt der Medizin gegenüber dem Rotwein zu entnehmen. Warum?

Immer wieder verblüffen medizinische Studien die Öffentlichkeit mit der These, Rotwein sei – in Maßen genossen – nicht schädlich, sondern der Gesundheit dienlich. Weniger verblüffend ist es, dass manche dieser Studien aus Regionen kommen, wo der Weinanbau beheimatet ist und die Weinerzeugung einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellt. Und nur folgerichtig erscheint es, dass solchen Studien dann sehr häufig eine unkritische Nähe zur Weinindustrie nachgesagt und eine Verharmlosung des Alkoholkonsums vorgeworfen wird.

Wenn 2002 die sog. „Mainzer Weinstudie“ des Mainzer Mediziners Professor Karl Jung herausfand, dass nicht nur Rotwein, sondern auch deutscher (!) Weißwein positive kardiovaskuläre Effekte im Hinblick auf Fibrinogen, LDL- und HDL-Cholesterin habe, so läuteten mancherorts durchaus die Alarmglocken. Professor Bernd König aus Trier an der Mosel stellte damals heraus, die besondere Wirkungsweise des Weines resultiere aus den Inhaltsstoffen, namentlich Polyphenole und Bioflavone. Diese wirkten antioxidativ, könnten eine endotheliale Dysfunktion mildern und auch das Verhältnis von LDL- zu HDL-Cholesterin positiv beeinflussen. Die ebenfalls enthaltenen Quercitin und Resveratrol sorgten für eine gehemmte Bildung gefäßverengender Thromboxane. Indem die NO-Freisetzung aus dem Endothel gesteigert werde, komme es zur Gefäßrelaxation. Zudem schränkten ASS-ähnliche Substanzen die Thrombozytenaggregation ein. Sogar eine Insulinresistenz werde gemindert.

Von vorrangiger Bedeutung ist auch die Menge des Weins. Professor Hans-Rüdiger Vogel, wie König Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Wein-Akademie, erklärte, die Weinsäure wirke nicht nur entwässernd und abführend, sondern auch Darm-entgiftend, was moderates Weintrinken bei einer Reisediarrhoe nicht ungünstig wirken lasse. Wer "maßvoll trinkt, den Wein genießt, fördert seine Gesundheit, wer säuft, schadet ihr", äußerte sich Vogel hierzu; es gebe wissenschaftlich Daten, wonach der tägliche Weingenuss maximal drei Weingläser pro Mann und maximal zwei Weingläser pro Frau betragen sollte. Damit sei der Effekt auch auf Herz und Gefäße ein positiver. Wer allerdings mehr trinke, lebe gefährlicher als ein Abstinenzler!

Fulminanten Auftrieb erhielt die These von der besonderen Wirkung des Rotweins durch eine stark beachtete und ausgezeichnete Studie des Kölner Internisten Dr. Stephan Rosenkranz. In seiner Arbeit über die kardioprotektive Wirkung von Wein war ihm der Nachweis geglückt, dass die Sterblichkeit auf Grund von Herzerkrankungen durch Inhaltsstoffe des Rotweins gesenkt wird, durch Weißwein oder nicht-alkoholische Getränke jedoch nicht.

Die Präinkubation glatter Gefäßmuskelzellen mit Rotwein wirkt sich hemmend auf die Tyrosin-Phosophorylierung des Platelet-Derived Growth Factor (PDGF)-Beta-Rezeptors aus und blockiert die Interaktion von PDGF mit dem Rezeptor. Rotwein enthält mehr zyklische Polyphenole, vor allem Flavonoide. In-vitro-Studien konnten aufzeigen, dass diese in bestimmten Konzentrationen und zusammenwirkend eine Hemmung des PDGF-Beta-Rezeptors hervorrufen. Sie sind die Hauptverdächtigen für „den benefiziellen Effekten von Rotwein auf die kardiovaskuläre Letalität".

Dass dies im Zusammenhang mit einer sog. mediterranen Ernährung die Lebenserwartung insgesamt erhöhen kann, untermauerten jüngere Studien. Demnach hat ein heute 60 Jahre alter Mensch, sofern er viel Fisch, Gemüse, Obst, ungesättigte Fettsäuren, wenig rotes Fleisch und wenig gesättigte Fettsäuren zu sich nimmt, jedoch auch mäßig Rotwein konsumiert, gute Aussichten, ein jahr länger zu leben als Personen, die sich nicht dermaßen ernähren.

Der Run auf den Rotwein geht weiter. Mit immer neuen Studien wird Rotwein als scheinbares Allheilmittel gegen gefährliche Ernährungsgewohnheiten und Fehlverhalten angeboten. Inzwischen findet man Rotwein-Bestandteile in Tablettenform, von denen behauptet wird, sie böten vergleichbare positive Effekte ohne unnötigen Alkoholkonsum. Diesen wird von manchen Ernährungsexperten entgegen gehalten, ihre Applikation sei verzichtbar, dann könne man gleich und mit größerem Erfolg auf Traubensaft umsteigen. Was wiederum die Erinnerung anderer Experten hervorruft, dass nur der Rotwein, nicht der Saft, die kardioprotektive Wirkung entfalten kann.

Weiterhin werden alle paar Monate neue Studien in die Öffentlichkeit getragen, die dem Rotwein atemberaubende Effekte zusprechen. Spanische Rotweinforscher lehrten uns, dass Personen, die zwei Glas Rotwein täglich zu sich nehmen, sich mit einer um 44 Prozent niedrigeren Wahrscheinlichkeit eine Erkältung einfangen als Abstinenzler. Die aktuellste Nachricht, die es sogar in Deutschlands meistverkauftes Boulevardblatt schaffte, besagt, dass moderater Rotweinkonsum vor Entzündungen im Zahnbereich schützt.

Dies zeigt, dass die positiven Effekte des Rotweins inzwischen Marktstrategien geboren haben, die sich als verhängnisvoll erweisen können. Es ist fraglich, ob die Konsumenten den medizinischen Abgrund zwischen dem zweiten und dem dritten Glas Rotwein in seiner Tragweite wirklich erkennen können. Über die Gesundheitsschiene drohen viele in neue alkoholische Einbahnstraßen zu fahren. Mäßiger Konsum von Rotwein ist kein Heilmittel, das Fehler in der Ernährung und mangelnde Bewegung ausgleichen kann, sondern nur Bestandteil einer auch ansonsten sinnvollen Ernährung. Nicht mehr und nicht weniger.




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